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m i c h a e l
n o r b e r t
b a u m a n n

prolog

entreißt man einen menschen seiner gewohnten umgebung, so reagiert er auf die fremde situation sensibel. nicht mehr zutreffende axiome veranlassen ihn, eingefahrene normen einem prüfprogramm zu unterziehen' das versucht, die neue umgebung zu kategorisieren und in ihm eine aufmerksame grundhaltung hinterläßt.

höchstmögliche sensibilität entsteht, wenn man dabei das standardisierte regelwerk seiner umweltbedingungen ganz außer kraft setzt und ihn zum nullpunkt seiner wahrnehmung führt, indem man ihm die grundlegendsten normen überhaupt entzieht:

die beschaffenheit von raum und zeit

wichtigstes medium bei der wahrnehmung von räumlichen dimensionen und strukturen ist dabei das licht, denn dabei vertraut der mensch in erster linie auf sein auge. ihm alles licht zu nehmen, verunsichert ihn, alarmiert ihn und macht ihn neugierig auf seine räumlichen grenzen.

den lauf der zeit erfährt er dagegen in logischen abfolgen, die sich nicht selten im auditiven bereich abspielen, so zum beispiel dialoge, betriebsamer lärm oder die musik. es bedarf also auBer der absenz von licht einer akustischen kontakt-unterbrechung, um ihn von strom seines bewußtseins, seines inneren dialoges also, abzutrennen. eine schleifenschaltung der schallversorgung bewirkt diesen stillstand der inneren uhr.

 

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360° schwärze und ein abstrakt-repetitiver klangraum lassen den rezipienten am nullpunkt seiner wahrnehmung ankommen und machen ihn bereit für die elementare botschaft von

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am anfang war das wort und das wort war gott. gottes geist schwebte über dem wasser und es war finster aus der tiefe. und gott sprach: es werde licht! (gen 1, 1-3)

 

ein loch in der dunkelheit

der tastsinn erschließt dem protagonisten einen ersten attraktor: er entdeckt die schnittstelle zu einem reduzierten lebensmodell, das nur mit seinem schöpferischen zutun sein schicksal aufnehmen kann.

von ihm erschaffen, bricht licht in die dunkelheit. in der einfachen, abstrakten form quadratischer zellen fügen sich einzelne elemente zu einer primitiven kultur. die sozietät verfährt nach ebenso reduzierten regeln:

  1. hat ein zelle weniger als zwei angrenzende lebende nachbarn, so stirbt sie in der nächsten generation an isolation; hat sie mehr als deren drei, so stirbt sie an überpopulation.
  2. an einer stelle mit genau drei angrenzenden, lebenden nachbarn entsteht in der nächsten generation eine lebendige zelle.

das leben erwacht' und jedes element der erschaffenen formation wird zum individuum im komplex der sozietät.

sein zustand ist ursache für gedeih und verderb seiner nachbarn und hängt umgekehrt genau davon ab. die gemeinschaft evolutioniert, einzelne zellen haben keine überlebenschance. eine sehr biologische soziologie der mathematik...

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auge: in :auge

steht der mensch der maschine gegenüber und reicht ihr die hand, auf daß sie auf kinetischem wege seinen willen ertaste.

RGB kommt blitzartig ihre antwort - optischer nachhause-weg in rot- grün- und blauempfindliche stäbchen des resorbierenden menschenorgans. kommunikation: findet statt.

jetzt begibt sich der betrachter auf die zweite ebene der interaktivität von game of life im dunkel des klangraumes versinkend, nimmt er die resorptive haltung ein und erlebt ein individuelles programm, das von seiner bewegung im raum bestimmt wird, einer langen kamerafahrt gleich, bei der er immer wieder auf mediale abbilder der elementarzellen stößt, die ihn von allen seiten stets auf den kerngedanken des events hinführen und ihm dadurch demonstrieren:

es geht um leben und tod.

auch der begriff der kommunikation erfährt bei game of life neben dem dialog zwischen mensch und maschine eine zweite bedeutung: das ziel der studie ist nämlich, aus den kommentaren und reaktionen der besucher. die sie teils in dafür bereitgelegten büchern festhalten, teils im interview wiedergeben, sowohl die psychologische wirkung der künst-lichen umgebung während des events als auch die verbliebenen eindrücke und die möglichkeit einer konsequenz nach der rückkehr in die realität zusammenzutragen und letzten endes rückschlüsse auf das eigentliche mysterium schließen zu können: die sinneswahrnehmung und das aesthetische empfinden des menschen.


aesthetik von game of life

die reduktion der realen raumzeit auf ein schachfeld im takt sich ablösender generationen,
die reduktion aller lebenden wesen in ihrer psychischen und physischen dimension auf abstrakte einheiten mit zwei möglichen zuständen und
die reduktion aller kausaler zusammenhänge auf eine einfache nachbarregel
offenbaren eine phantastische aesthetik des einfachen, die sich in der begeisterung für das unglaubliche perfekte der begreifbaren geometrie einerseits und für das unvorhersehbare, chaotische in der destinativen vermehrungsbedingung andererseits ausdrückt.

in der gegenüberstellung der farbspaltung und quantisierung in der menschlichen netzhaut mit der selben im monitor durch die vermischte projektion verschiedener nahaufnahmen der beiden motive äußert sich der versuch, das 'organische der maschine' zu definieren. die aufnahmen stellen mit dem indi-viduellen charakter jedes einzelnen monitors auf grun'd ver-schiedener rasterungen, farbstiche, -verschiebungen und bild- störungen die ästhetik des quantenhaften, aufgelösten, und damit des unperfekten dar. darin wird eine sympathie für das natürliche, nicht fehlerfreie deutlich.

michael n. baumann 13.02.1997


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